Samstag, 2. September 2017

Die Zeit, Attachment Parenting und meine Filzmatte

Eigentlich wollte ich diesen Blog fernab der elterlichen Social Media Blase führen und ich habe lange überlegt, ob ich unbedingt meinen Senf zu dem Artikel, den Die Zeit http://www.zeit.de/kultur/2017-08/erziehung-attachment-parenting-eltern-ueberforderung-10nach8

neulich veröffentlicht hat, geben muss. Aber warum eigentlich nicht? Seit zweieinhalb Jahren habe ich ein Kind, und mich beschäftigen diverse Themen, die mich als Mutter betreffen, natürlich auch.

Wie viele andere gleichgesinnte Eltern, die ich nach und nach hier in Leipzig und auch online getroffen habe, so stieß auch ich auf den Begriff Attachment Parenting unweigerlich und mehr oder weniger durch Zufall. Ich war damals erstaunt, dass diese Einstellung gegenüber unserem Kind als "Konzept" dargestellt wird, bzw. dass es überhaupt ein Wort für etwas geben muss, was für uns als Eltern und für mich als Mutter selbstverständlich ist; nämlich unser Kind so zu behandeln und anzunehmen und vor allem seine Bedürfnisse ernst zu nehmen, wie wir selbst als Kinder gern behandelt worden wären (und auch tatsächlich meistens wurden, mit einigen Ausnahmen vielleicht, die einfach typ- und generationsbedingt sind). Oder auch: ich möchte mein Kind so behandeln, wie ich selbst gern behandelt werden möchte. Ich denke, man darf den Begriff meiner Meinung nach nicht zu dogmatisch verstehen, sondern einfach im Kontext seiner Zeit und als Kritik an den Methoden der sogenannten schwarzen Pädagogik,  die ihre Ursprünge im 19. Jahrhundert hat und geprägt war von elterlicher Gewalt und  der Einschüchterung des Kindes, welchem tyrannische Züge zugeschrieben wurden.

Ja, ich habe mir noch vor der Geburt ein Tragetuch besorgt, weil es mir einfach praktisch erschien, mein Baby vor dem Bauch zu tragen, und ja, als es dann da war, erwies sich das Tuch als absoluter Lebensretter und Begleiter in unserem Alltag. Im Tragetuch konnte auch der Papa das Kind super beruhigen und unseren Sohn zum Schlafen bringen, und ich liebte es auch, den Kleinen einzubinden und seine Nähe zu spüren und somit auch flexibel zu sein was Bus und Bahn betraf. Und ja, ich stille momentan ein Kleinkind, was sich von mir aus auch gern selbstbestimmt abstillen darf. Diese Dinge haben sich bei uns instinktiv ergeben, weil wir unserem Gefühl gefolgt sind und unser Kind seine Bedürfnisse schon immer deutlich gezeigt hat, und nicht, weil wir unzählige Ratgeber vorher gelesen hatten und das Gefühl hatten, einem "Trend" folgen zu müssen oder andere Eltern abhängen zu müssen; mir ist es total Wurst, was die  anderen Eltern machen, und ich denke mal, dass die meisten Eltern das Beste für ihr Kind möchten und so viel an Nähe und Fürsorge geben, wie es ihnen eben möglich ist.

Und ja, auch ich habe besonders im Wochenbett und auch im ersten und zweiten Lebensjahr Phasen durchlebt, in denen ich besonders ausgebrannt war. Zeiten, während deren ich es einmal ein paar Wochen lang einfach nicht geschafft habe, meine Haare adäquat zu kämmen! Das ist vielleicht ein seltsames Beispiel für Selbstfürsorge, aber für mich was das damals bezeichnend; Mein Kind war damals vielleicht eineinhalb Jahre alt, wollte permanent getragen werden und forderte meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit 24/7, ich stillte nachts gefühlt einmal pro Stunde, es lernte gerade laufen, bekam Zähne, es war ein anstrengendes Jahr gewesen und anstatt meine Haare zu bürsten, während meine Maus schlief, habe ich gelesen und mich weitergebildet, und manchmal verbrachte und verbringe ich diese rare Zeit auf Instagram oder Facebook, um abzuschalten. Eine Tasse Kaffee und ein gutes Buch, in das ich für eine halbe Stunde abtauchen konnte, waren damals alles, was ich wollte und brauchte. Dafür befand sich mein Kopf für ein paar Wochen unter einer dichten, störrischen Filzmatte und es war mir egal.

Dann, eines Abends, als das Kind endlich länger am Stück schlief, der Papa die Nachtschicht nun auch einmal antreten konnte und ich mich zu Halloween in eine lange nicht besuchte Bar wagte um den Herbst, das Leben und die Gespenster, die bekanntlich in dieser Nacht ihr Unwesen treiben, zu feiern, da kämmte mir ein guter Freund - nicht ohne sich darüber lustig zu machen - im Kerzenlicht die Filzlocken aus der langen Haarpracht und es war plötzlich alles ganz einfach.

Die Zeit mit unseren Kindern ist wertvoll, Freunde sind wichtig, gelegentlich mal ein Glas Wein allein oder zu zweit ist mir auch wichtig...Aber niemals zweifle ich an der Liebe zu meinem Kind oder an unserer Überzeugung, unser Kind als genau so wertvoll und liebevoll zu behandeln, wie es das verdient. Wer Attachment Parenting als neuen Trend sieht, hat diese Einstellung zum Leben nicht verstanden; als Eltern und besonders in unserer Zeit müssen wir auf natürlich auf uns achten, aber meiner Meinung sollten unsere Kinder dafür keine Opfer bringen müssen, sondern wir sollten uns als Eltern gegenseitig helfen und unterstützen, insofern das möglich ist. Anstatt virtuell verächtlich mit dem Finger auf andere Mütter zu zeigen und deren vermeintliche Selbstaufgabe zu kritisieren, könnte man zum Beispiel anbieten, mit einer anderen Mama oder einem Papa, dem es gerade schwerfällt , gemeinsam für die Kinder zu kochen, oder für die Alleinerziehende Freundin mal einen Einkauf erledigen - die Möglichkeiten, andere Eltern zu entlasten sind endlos.


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